Abewehr im Alltag – und warum so viele Menschen sich darin wiederfinden
Viele dieser Rückmeldungen kreisen um ein ähnliches Gefühl, nämlich nicht wirklich gesehen und nicht ernst genommen zu werden. Wenn man genauer hinsieht, wird deutlich, dass Abwehr selten als Zurückweisung auftritt, sondern vielmehr in einer subtilen, sozial akzeptierten Form erscheint:
Sie zeigt sich als Einwand, der zu früh kommt und einen Gedanken gar nicht erst zu Ende entstehen lässt, ein „Ja, aber“, das eine Aussage sofort relativiert, oder der Impuls, die eigene Perspektive über eine Situation zu legen, bevor das Gegenüber überhaupt ausgesprochen hat, was es sagen wollte.
Ein Satz aus dem Gespräch ist mir in diesem Zusammenhang besonders nachgegangen: Was man nicht erkennt, kann man auch nicht anerkennen.
Aha! Anerkennung beginnt nicht beim Lob und auch nicht bei Zustimmung, sondern bei der Fähigkeit, überhaupt zu sehen, was da ist!
Wer nicht hinsieht, kann nicht verstehen, und wer nicht versteht, kann weder würdigen noch angemessen reagieren.
Im Alltag zeigt sich das in vielen unspektakulären, aber wirksamen Momenten.
- Wenn Anstrengung nicht wahrgenommen wird, bleibt sie unsichtbar, unabhängig davon, wie groß sie tatsächlich war.
- Wenn ein Beitrag in einem Meeting nicht wirklich gehört wird, existiert er in gewisser Weise nicht, auch wenn er ausgesprochen wurde.
- Wenn ein Ehemann nicht wahrnimmt - erkennt-, dass seine Frau einen neuen Pullover trägt, ist er auch nicht in der Lage, anzuerkennen, wie hübsch dieser Pullover bzw. seine Frau ist.
Mein großes Missverständnis: Anerkennung meint in diesem Zusammenhang bewusst nicht Lob, Zustimmung oder positives Feedback im klassischen Sinn. Tatsächlich bedeutet Anerkennung etwas anderes, nämlich die Fähigkeit, eine Perspektive zunächst bestehen zu lassen, ohne sie einzuordnen, zu korrigieren oder zu bewerten, und genau darin liegt ihre Wirkung.
Das verlangt eine Form von innerer Ruhe und Disziplin, die im Alltag selten geübt wird, weil der Impuls zur schnellen Einordnung meist schneller ist als jede bewusste Entscheidung.
Abwehr trifft auf Abwehr, Positionen verhärten sich, und aus einem offenen Austausch wird ein verdeckter Wettbewerb um Deutungshoheit, in dem es längst nicht mehr um Inhalte geht. Im Vordergrund steht etwas anderes, das oft unausgesprochen bleibt, aber spürbar ist: das Bedürfnis, als Mensch wahrgenommen und anerkannt zu werden.
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